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04 Nov 2025
Nachrichten

Ein globaler Pass für Nachhaltigkeitsberichterstattung: Die neue Regulierungsinitiative der ISSB

Im sich entwickelnden regulatorischen Umfeld der Nachhaltigkeitsberichterstattung nimmt die Rolle der ISSB-Standards weiter zu. Aktuelle Entwicklungen unter der Leitung der IFRS Foundation signalisieren eine Weiterentwicklung über die reine Standardsetzung hinaus, hin zur Ermöglichung einer praktischen Anwendung über verschiedene Rechtsordnungen hinweg. Eine neue Initiative zielt darauf ab, zu klären, wie diese Standards in unterschiedliche rechtliche und politische Systeme eingebettet werden können, um weltweit konsistente Offenlegungspraxen zu unterstützen.

ISSB_Jurisdiction

Die IFRS Foundation hat einen bedeutenden Schritt unternommen, um die Standards des International Sustainability Standards Board (ISSB) als „globalen Pass“ für nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungen zu etablieren. Die Initiative wurde während des IFRS Sustainability Symposiums in London letzte Woche angekündigt und spiegelt die wachsende Dynamik hinter der internationalen Angleichung der Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung wider. Ihr Hauptziel ist die Reduzierung regulatorischer Fragmentierung, indem Jurisdiktionen entweder die ISSB-Standards vollständig übernehmen oder deren Nutzung neben lokalen Rahmenwerken erlauben, wodurch die globale Vergleichbarkeit erhöht und Doppelarbeiten reduziert werden.

Strategische Neuausrichtung der Rolle der ISSB Standards

Ein zentrales Element der Ankündigung ist die Erweiterung und Stärkung der Arbeitsgruppe für Jurisdiktionale Einführer (Jurisdictional Adopters Working Group). Diese Arbeitsgruppe schafft Raum für Regulierungsbehörden und politische Entscheidungsträger, um Mechanismen zu untersuchen, mit denen ISSB-Standards innerhalb lokaler Rechtssysteme implementiert, anerkannt oder referenziert werden können. Die IFRS Foundation unterstützt diesen Dialog ausdrücklich durch zwei neu veröffentlichte Implementierungsinstrumente: den Jurisdictional Rationale Guide und das Jurisdictional Rationale Tool. Diese Ressourcen sollen Jurisdiktionen dabei helfen, zu bewerten, ob und wie die ISSB-Standards übernommen werden sollen.

Die Begründung Rahmen setzen: Märkte, Berichtspflichtige und politische Zielsetzungen

Der Jurisdictional Rationale Guide, der aus öffentlichen Konsultationen, regulatorischen Strategien und internationalen politischen Erklärungen zusammengestellt wurde, skizziert drei Hauptkategorien von Vorteilen. Der erste ist die Verbesserung der Kapitalmärkte. Jurisdiktionen nennen gesteigerte Transparenz, Anlegervertrauen und grenzüberschreitende Kapitalflüsse als entscheidende Triebkräfte. Zweitens profitieren die berichtspflichtigen Unternehmen selbst. Die Nutzung eines global anerkannten Standards kann die Komplexität und Kosten bei der Einhaltung mehrerer Rahmenwerke reduzieren. Der dritte Vorteil bezieht sich auf Nutzen auf Ebene der Jurisdiktionen durch die Nutzung der globalen Grundlage, einschließlich der Ausrichtung an weiter gefassten politischen Zielen wie dem Klimawandel, Finanzstabilität und nachhaltiger Finanzierung.

Diese Begründung ist nicht abstrakt. Der Leitfaden präsentiert Beispiele aus nahezu 40 Jurisdiktionen, von denen viele ISSB-Standards bereits in ihre Offenlegungsarchitektur einbinden. Politische Entscheidungsträger betonen zunehmend die internationale Vergleichbarkeit als wesentlich für das Vertrauen der Investoren, während Marktregulatoren die Notwendigkeit kohärenter Offenlegungssysteme über Anlageklassen hinweg hervorheben.

Von Erkenntnis zu Handlung: Operationalisierung politischer Entscheidungen

Während der Leitfaden eine evidenzbasierte Grundlage bietet, übersetzt das Jurisdictional Rationale Tool diese Erkenntnisse in einen strukturierten Entscheidungsprozess. Das Tool unterstützt Jurisdiktionen dabei, eine maßgeschneiderte Begründung zu formulieren, indem mögliche Ergebnisse in Bezug auf Integrität der Kapitalmärkte, Effizienz für Berichtspflichtige und Übereinstimmung mit breiteren Nachhaltigkeits- und Wirtschaftsziele bewertet werden. Es enthält Entscheidungstabellen und Arbeitsblätter, die Regulierungsbehörden helfen, die für ihren lokalen Markt und politischen Kontext relevantesten Vorteile zu identifizieren.

Dieses praktische Instrument unterstützt Jurisdiktionen nicht nur bei der Begründung der Nutzung von ISSB-Standards, sondern auch bei deren strategischer Integration in weiter gefasste regulatorische Zielsetzungen. Darüber hinaus ergänzt es weitere IFRS-Ressourcen wie das Readiness Assessment Tool und das Roadmap Development Tool, wodurch das Rationale Tool als integraler Bestandteil eines umfassenden Implementierungsrahmens positioniert wird.

Folgen für die Landschaft der Nachhaltigkeitsberichterstattung

Indem die ISSB-Standards als globaler Passrahmen etabliert werden, fördert die IFRS Foundation ein Modell der Interoperabilität. Dies erfordert nicht zwangsläufig eine vollständige regulatorische Harmonisierung, sondern begünstigt ein Maß an gegenseitiger Anerkennung, das die Landschaft sowohl für Ersteller als auch für Nutzer von Nachhaltigkeitsinformationen vereinfachen kann. Die Rechtsordnungen behalten dabei ihre Flexibilität, profitieren jedoch davon, ihre Rahmenwerke an einem internationalen Referenzpunkt zu verankern.

Für berichtspflichtige Unternehmen bietet diese Entwicklung das Potenzial erheblicher Effizienzsteigerungen. Die Erstellung eines einzigen Kernsets an Nachhaltigkeitsangaben, das mehrere regulatorische Anforderungen erfüllen kann, entspricht der langjährigen Marktnachfrage nach Standardisierung. Für politische Entscheidungsträger bieten die Werkzeuge und rationalen Rahmenwerke einen Weg, kohärente, zukunftsorientierte Richtlinien für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zu entwickeln, die sowohl kontextspezifisch als auch global relevant sind.

Fazit: Ein strukturierter Weg zu globaler Kohärenz

Die Initiative der IFRS Foundation markiert einen Wandel in der Umsetzungsstrategie der ISSB-Standards – von der technischen Standardsetzung hin zur strategischen globalen Einführung. Die Kombination aus einer gestärkten multilateralen Arbeitsgruppe und der Veröffentlichung von Entscheidungshilfetools schafft eine klare Infrastruktur für Rechtsordnungen, die die ISSB-Standards übernehmen oder anderweitig nutzen möchten. Mit dem Fortschreiten der Nachhaltigkeitsberichterstattung in den regulatorischen Mainstream werden solche Mechanismen entscheidend sein, um ein kohärentes, vergleichbares und effizientes globales Offenlegungsumfeld zu schaffen.

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